Praktika

Sozialpraktikum 11. Klasse

Ein ganz normaler Alltag in einer Britischen Camphill-Gesellschaft

Bericht von Tobias Bialas; 11. Klasse;  5. Mai 2002

Wenn morgens um 6.00 Uhr im süd-westlichen Großbritannien die Sonne aufgeht, herrscht immer noch die Lautlosigkeit der vergangenen Nacht. Diese angenehme Ruhe, die lediglich von einem Bienensummen oder einem versehentlichen Zwitschern eines Vogels getrübt wird, endet abrupt um 6.30 Uhr, wenn von einer Sekunde auf die andere eine nervenstrapazierende, mechanische Erfindung ihr schrilles Klingeln beginnen lässt.

Es beginnt ein gewöhnlicher Tag, der stressvolle, aber auch ruhige Phasen mit sich bringt. So startet die Arbeit eines jeden Co-Workers zwischen 6.30 und 9.00 Uhr. Je nach Länge des Aufenthalts dort, wird man in Anspruch genommen.
Da ich eben „nur“ als Praktikant mein Sozialpraktikum dort absolvierte, wurde ich zu meinem Vorteil nie zum Wecken der sogenannten „Students“ eingeteilt. Allerdings blieb ich nicht ganz ohne Arbeit. So durfte ich bei der Frühstückszubereitung mithelfen. Es handelt sich in diesem Teil von Großbritannien um ein sehr religiöses Gebiet. Deshalb war das Tischgebet vor jedem Mahl üblich. Anschließend folgt das gemeinsame Abwaschen und Abtrocknen des Geschirrs.

Nach der Frühstücksprozedur folgt das Ankleiden der Arbeitskleidung der Students. Jeder Student wird nach seinen individuellen Leistungen einer Arbeit zugeteilt. Natürlich war die Pause zwischen den zwei Arbeitseinheiten der volle Genuss. Nach typisch englischem Ritual wird die Pause von Keksen und Tee mit Milch begleitet. Gegen 12.00 Uhr endet die Arbeit, denn es folgt das Mittagessen. Auch beim Mittagessen wird der Tisch gemeinsam gedeckt. Nach der Nahrungszufuhr gilt für alle wieder gemeinsames Abdecken, Abwaschen und Abtrocknen. Die Arbeit der Students ergänzt sich, da ein schnelles Verfahren der Geschirrreinigung gewährleistet wird.
Nach einer einstündigen Co-Worker-Pause geht es schließlich weiter mit der Arbeit. Auch die Co-Worker werden von der entsprechenden Hausmutter oder dem entsprechenden Hausvater für einen bestimmten Bereich der Arbeit eingeteilt.
Meine Arbeit bestand meist aus Gartenarbeit, z.B. Samen einpflanzen, Unkraut jähten, Büsche einpflanzen. An manchen Tagen wurde ich bei der sogenannten „Wood-Work“ eingeteilt. Dort wurden Bäume gefällt und zum Lagern als Feuerholz per Traktor zu einem überdachten Lagerungsplatz transportiert.

Nach dem abendlichen Geschirrputz war noch eine Stunde Zeit, bis die Students zu Bett gebracht wurden. In dieser Stunde konnten sich die Students am sportlichen Geschehen beteiligen oder man begleitete die Students ins nahegelegene Pub. Nach dem Zubettbringen der Students folgte für jeden Co-Worker die Freizeit. Es gab viele verschiedene Möglichkeiten den Abend mit seinen Kollegen kreativ zu gestalten. So gab es eine sogenannte Party-Halle, in der sich sowohl Tischtennisplatten als auch ein Billardtisch und ein Tischkicker befanden. Je nach Geschmack konnte man das Spielen in der Halle durch die zur Verfügung gestellte Musikanlage noch ausgiebiger genießen.
An den Samstagen bevorzugten es die meisten Co-Worker sich an Parties oder an Grillfeten zu beteiligen. Während der restlichen Woche besuchte man abends eher das Pub oder man war einfach zu müde vom arbeitsreichen Tag und ging schlafen.
Der Sonntagvormittag wurde mit einer Sonntagshandlung, wie in Waldorfeinrichtungen üblich, gestaltet.
Anschließend nahm man an langen Spaziergängen teil oder vergnügte sich in der Küche für die Zubereitung des Abendmahls.

Jeder Co-Worker verfügt über einen freien Tag pro Woche, den sogenannten „Day-Off“. An diesem Tag ist es einem gestattet, auszuschlafen und den Tag je nach Belieben zu gestalten. Es besteht auch die Möglichkeit per Auto oder Bus in andere nahegelegene Städte zu reisen.

Ich genoss mein Sozialpraktikum sehr, da mir nicht nur die Arbeitsatmosphäre dort, sondern auch das Land sehr gut gefiel. Sowohl die Hauseltern als auch die Co-Worker aus verschiedenen Nationen sind sehr freundlich. Der Umgang mit den Students war von Fall zu Fall verschieden. Es gab sehr schwer erziehbare Students, bei denen man sehr viel Geduld aufbringen musste. Andere Students waren nicht in der Lage zu sprechen, jedoch verstanden sie die Sprache. Manch andere Students wirkten äußerlich völlig normal. Allgemein kam ich mit allen verschiedenen Fällen gut klar. Co-Worker wurden durchaus von manchen Students ins Herz geschlossen.

Aufgrund der Art des Zusammenlebens und des gemeinsamen Arbeitens würde ich freiwillig dorthin zurückkehren, um Ferienarbeit zu verrichten.


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